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Der ideologische Stolperstein zwischen Sozialismus und der internationalen Sprache

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Alberto Fernández
(übers. v. Dieter Rooke)

[Esperanto und die Ideologien: Die Rolle der Esperanto-Bewegung auf der politischen Bühne in der Vergangenheit und Zukunft – Das war das Thema eines anspruchsvollen Symposiums in der Stadt Gent, Belgien am 20. Oktober 2001. Es wurde vom Esperanto-Klub La Progreso organisiert. Der Präsident des Verlags Flandra Esperanto Ligo leitete die Diskussion. Die Vorträge hielten der Linguist D. Blanke, Deutschland, F. Degoul, Kenner der Werke Zamenhofs, Frankreich, Renato Corsetti, Präsident der U.E.A. (Esperanto Weltbund), Italien, Krešimir Barković, Generalsekretär S.A.T. (Anationaler Weltbund), Kroatien, Alberto Fernández, Autor zum Thema Arbeiter-Esperanto-Bewegung, Belgien. Der in Spanien geborene Autor hielt einen packenden Vortrag, welcher die negative Haltung der wichtigsten sozialistischen Theoretiker gegenüber der Weltsprache erhellte, aber gleichzeitig das gegenseitige Bedürfnis von Sozialismus und Esperanto hervorhebt.]

Sein Vortrag begann mit einem persönlichem Erlebnis:

Nicht lange nach dem 2.Weltkrieg im Jahr 1947, damals war ich 14 Jahre alt, entdeckte ich zufällig die internationale Sprache Esperanto, und begann sie mit grosser Leidenschaft zu erlernen. Die Idee einer internationalen Sprache war für mich etwas Grossartiges. Zur gleichen Zeit wurde ich Mitglied in der sozialistischen Jugendbewegung. Eines Tages begegnete ich dem Leiter dieser Bewegung. Er verfügte über eine gute Schulbildung, war hoch angesehen, und informierte mich über das bevorstehende Treffen der sozialistischen Jugend. Darauf antwortete ich in meiner naiven Begeisterung: "Oh, das ist aber eine wunderbare Gelegenheit, um für Esperanto Propaganda zu machen!!"

Nun, wie reagierte er? Zuerst brach er in Lachen aus, dann wieder ernst: "Esperanto ist etwas nicht Gutes."

Mir verschlug es die Sprache, wie vom Blitz getroffen. Warum ist eine Sprache schlecht, welche die Kommunikation zwischen den Völkern erleichtert, die Arbeiter bildet, den Chauvinismus bekämpft? Ich verstand die Welt nicht mehr: was kann ein Sozialist dagegen einwenden?

In den kommenden Jahren, nachdem ich die Bewegung immer besser kennenlernte, und teilweise auch in der Arbeiter-Esperanto-Bewegung aktiv war, erinnerte ich mich oft an diese Begebenheit. Ich kam zur Überzeugung, dass dieser Sozialist von fanatischen Anhängern des Esperanto falsch und inkompetent informiert worden war. Oder war er ein Opfer der vorherrschenden Vorurteile, oder war er einfach nur skeptisch und betrachtete Esperanto nur als eine naive Utopie? Aber ich erfuhr auch, dass er nicht der Einzige unter den Leitern und Verantwortlichen der örtlichen und landesweiten, sozialistischen Bewegung war, welcher Unverständnis und kein Interesse an den Arbeiter-Esperantisten zeigte. Das scheint wirklich merkwürdig zu sein, weil es ja so viele Gemeinsamkeiten zwischen der grundlegenden sozialistischen Ideologie und dem Prinzip der internationalen Sprache für die Arbeiter gibt. Im Folgenden einige Beispiele dieser Gemeinsamkeiten:

  1. In beiden Ideologien leben die internationalistischen Ideen der weltweiten Arbeiter-Einheit.
  2. Der Sozialismus ist verbunden mit der wissenschaftlichen Planung der Gesellschaft, und Esperanto als geplante Sprache harmoniert sehr gut mit diesem Konzept.
  3. Eine gemeinsame Sprache untergräbt unbemerkt die nationale Verbundenheit, also den Chauvinismus, der Militarismus und Kapitalismus erzeugt, zwei Hauptfeinde des Sozialismus.
  4. Der praktische Gebrauch des Esperanto ist wichtig für die Arbeiter-Bildung, also auch für die Emanzipation der Arbeiter. Die gleichen Ziele, die auch der Sozialismus anstrebt. [1]

Abschliessend – die sozialistische Ideologie stimmt mit dem demokratischen Geist des Esperanto überein.

Woher kommt dann dieses Unverständnis, was läuft da falsch? Liegt es an der untauglichen Information oder der falschen Propaganda?

Oder sind es die vielen Vorurteile und die skeptische Haltung der sogenannten normalen Umwelt? Sicher spielen diese Faktoren eine Rolle, aber in unserem Fall ist etwas Anderes viel wichtiger, etwas Prinzipielles. Nämlich: Es fehlt in der marxistischen Ideologie im Allgemeinen eine zustimmende Haltung in Bezug auf eine internationale Sprache [2], und im Konkreten für Esperanto. Ich bekenne, dass ich dies nur vor einigen Jahrzehnten erkannte, und die Konsequenzen begriff.

Ich möchte das kurz erläutern:

In der Periode des sogenannten utopischen Sozialismus gehörte die Idee irgendeiner Weltsprache oder Universalsprache zu den nebulösen Vorstellungen einer zukünftigen sozialistischen Gesellschaft. Einer der damals einflussreichsten Denker war der politische Philosoph und berühmte Anarchist aus Frankreich, Pierre Joseph Proudhon (1809-1864), der sogar von einer internationalen Sprache phantasierte. [3]

Zur gleichen Zeit lebte Karl Marx (1818-1883) der Hauptbegründer des "wissenschaftlichen Sozialismus" des sogenannten Marxismus. Karl Marx war nicht nur ein radikaler Wirtschaftswissenschafter, sondern auch eine revolutionäre Führerfigur mit präzisen Vorstellungen über die Natur der Fortentwicklung der Gesellschaft. Also dürfen wir uns nicht wundern, wenn er die utopischen Ideen von Proudhon scharf kritisierte, und seine dilettantischen Versuche, eine internationale Sprache zu erfinden, verspottete. [4] Im umfangreichen Werk von K. Marx findet man kaum eine Stelle, in der davon die Rede ist. Auch Anspielungen auf die Wünschbarkeit einer gemeinsamen Sprache werden nicht gemacht, nicht einmal als mögliches Verständigungsmittel unter den Arbeiterbewegungen der verschiedenen Ländern [5], die ab 1864 in der Internationalen Arbeitervereinigung zusammenkamen – die Historiker heute als "erste Internationale" bezeichnen, auf die eine zweite, dritte und vierte folgten.

Gleich wie Proudhon lebte auch Marx vor der Einführung der ersten praktisch erprobten Sprache Esperanto. Das gilt nicht für die späteren Marxisten, die ich nun vorstellen möchte.

Lenin (Geheimname von Wladimir Iljitsch Uljanov) der Gründer der bolschwistischen Partei der Sowjetunion und der dritten Internationale, war nicht nur ein erfolgreicher und effektiver Führer der Revolution, sondern er leistete auch wichtige Beiträge zur Theorie des Sozialismus, des sogenannten Leninismus. Wie stellt sich Lenin zur Idee der internationalen Sprache und insbesondere zum Esperanto? Es gibt Gerüchte, dass Lenin der Idee gewogen war, sogar dass er selber Esperanto sprach. Aber das sind wahrscheinlich nur Legenden. Tatsächlich ist kein Dokument bekannt, in dem sich Lenin für oder gegen eine internationale Sprache ausspricht. [6] Also hatte er praktisch auch kein Interesse an dem Problem. Wir können sogar folgern, dass er gegen die Idee war. Als er im Jahre 1918 in Stockholm weilte, wurde er vom Bürgermeister gefragt, ob die sowjetische Regierung dazu bereit wäre, die internationale Konvention über die Einführung der Weltsprache Esperanto in alle Schulen zu unterzeichnen? Lenin antwortete lakonisch: "Wir haben schon drei Weltsprachen, und das russische wird die vierte sein!" [7] Die Weltsprachen waren damals Französisch, Englisch, Spanisch oder Deutsch.

Trotzdem möchte ich einen wichtigen Begriff in der Theorie Lenins hervorheben: nämlich das Prinzip der Gleichberechtigung auf sprachlichem und kulturellem Gebiet. Keine Nation oder Volk im Riesenreich sollte Privilegien geniessen. [8] Das war das politische Konzept, welches die Existenz der Arbeiter-Esperanto-Bewegung in der jungen Sowjetunion legitimierte. Das ist auch der Grund für den bemerkenswerten Aufstieg in den 20-er und 30-er Jahren.

Nach dem Tod Lenins 1924 übernahm Stalin (Geheimname Joseph Djugaschwili; 1887-1953) die Führung der Sowjetunion. Wie bekannt, war Stalin der diktatorische Staatsführer der Sowjetunion und der verantwortliche Führer der kommunistischen Weltbewegung während fast 30 Jahren. Während der Jahre 1937-1938 fand die sogenannte "grosse Säuberung" auf Befehl von Stalin statt. Es gab Hunderttausende, wenn nicht Millionen von Opfern, je nach historischer Quelle. In dieser Tragödie verschwand auch fast die gesamte Esperanto-Bewegung.

Aber aus welchen Gründen wurden die Esperantisten ausgeschaltet? Die Antwort ist selbstverständlich viel komplexer und nuancierter als ich dies nun skizziere. [9] Die grosse Säuberung beabsichtigte die Macht Stalins über den Staat mit seinen sämtlichen Strukturen zu erreichen. Das schloss ein ausschliessliches, unerbittliches Informationsmonopol ein. Die Esperantisten mit ihren vielfältigen, weltweiten Kontakten durchbrachen dieses Monopol. Deshalb waren sie gefährlich und mussten verschwinden. Aber es gab auch noch ein anderes Motiv in dieser Epoche, um die Esperantisten zum Schweigen zu bringen. Anfang der dreissiger Jahre wurde die Staatsmacht in der Sowjetunion stark zentralisiert, und das Russische als offizielle Sprache für die ganze Union eingeführt. Plötzlich galt nicht mehr das Prinzip von Lenin, das im sozialistischem Staat jede Sprache das gleiche Recht hat. In dieser Atmosphäre des russischen Chauvinismus wurde die ideologische Grundlage der Esperanto-Bewegung untauglich und jede Betätigung für Esperanto verdächtig. Aber auch der traditionelle Internationalismus wurde plötzlich sehr verdächtig, weil zu dieser Zeit endgültig entschieden wurde, die Revolution nicht in andere Länder zu exportieren, sondern die sozialistische Gesellschaft in der Sowjetunion selbst aufzubauen.

Möglicherweise sieht es seltsam aus, wenn Stalin sich mit der zukünftigen sozialistischen Gesellschaft und seiner Sprache beschäftigt. Wir können seinen Gesichtspunkt so zusammenfassen: [10]

Vor 1930 glaubte Stalin, dass in der Epoche des Kommunismus die nationalen Sprachen in einer einzigen gemeinsamen Sprache zusammenschmelzen werden, also in eine neue Sprache. Diese Meinung passt sich an die herrschende Lehrmeinung an. Sie ist relativ günstig für eine geplante internationale Sprache.

Später im Jahr 1950 ist Stalin mehr imperialistisch orientiert; und behauptete, wenn zwei Sprachen sich begegnen, wird die stärkere ihren Wortschatz und ihre Grammatik behalten, während die schwächere mit der Zeit aussterbe. Mit diesen Gedanken ist natürlich kein Platz mehr für eine gemeinsame internationale Sprache. Soviel über Stalin.

Darauf folgen zwei weitere einflussreiche Marxisten: Vor dem ersten Weltkrieg war der führende Theoretiker der deutschen Sozialdemokratie Karl Kautsky 1854-1938. Er verbreitete allgemeinverständliche Ideen des Marxismus, aber gleichzeitig war er misstrauisch wegen der Revolution in Russland. Als Erster stellte Kautsky die Frage der Weltsprache in der marxistischen Theorie. [11] Zufällig tat er das im Jahr 1887, dem Geburtsjahr des Esperanto. Was sagte nun Kautsky? Im Wesentlichen bestreitet er die Möglichkeit einer internationalen, universellen Sprache, welche ja die Erbschaft des utopischen Sozialismus wäre. Deshalb schloss er auch gleich eine geplante Sprache aus. Weiter meinte er, dass das Verschwinden kleiner Sprachen ein nicht vermeidbares Ergebnis der ökonomischen Entwicklung sei. Tatsächlich zeigt seine orthodox marxistische Theorie das Unverständnis für die Sehnsucht auch kleiner Völker, ihre eigene Sprache zu behalten und zu pflegen. Kautsky war sehr einflussreich, und sein negativer Standpunkt bezüglich einer internationalen Sprache ging auf viele Marxisten über.

Dreissig Jahre später nahm der Italiener Antonio Gramsci 1891-1938 die Thesen von Kautsky wieder auf. Aber diesmal kritisierte und verurteilte er ausdrücklich nur Esperanto. [12] Gramsci war ein wirklich einfallsreicher und vielseitiger Theoretiker des Marxismus. Er wurde international berühmt, und gründete die KP Italiens. Er meinte, ein seriöser Marxist sollte sich nicht für Esperanto interessieren, weil (ich verkürze etwas grob) es sei sowohl verfrüht als auch untauglich, und gar nicht nötig.

  • Verfrüht, weil Esperanto mit Utopien der Vergangenheit zusammenhängt, und es schon heute das Problem der Vielsprachigkeit lösen wolle. Das bedeutet einen utopischen Sprung in eine ferne Zukunft.
  • Untauglich – weil Esperanto vollständig künstlich gemacht sei, also mechanisch und ohne geschichtliche Tradition, ohne Literatur, ohne subtile Ausdrucksfähigkeit, und deshalb auch keinen Erfolg haben könne.
  • Nicht nötig, weil Gramsci in der Zukunft nur eine schon existierende Sprache siegen sieht. Selbst in der Gegenwart lehnt Gramsci Esperanto ab, sogar wenn es nur eine Hilfssprache wäre. Unnötig – weil er gleich wie Kautsky die kleinen Nationen vernachlässigt, und beeinflusst vom intellektuellen Elitarismus glaubte er sogar, dass die untere Volksschicht nicht so sehr internationale Kontakte brauche.

Diesen schnellen Überblick können wir mit der Feststellung abschliessen: Die führenden Theoretiker des Marxismus waren grundsätzlich nie für die Idee einer "rückständigen" internationalen Sprache, und insbesondere gegen das "künstliche" Esperanto. Diese grundlegende negative Haltung der höchsten marxistischen Autoritäten ist natürlich ein grosses Handikap für die Verbreitung von Esperanto in der Arbeiterklasse. Dennoch war die Ablehnung in der Mittelschicht der Arbeiterbewegung nicht allgemein gültig. Wenn sie sich zeigte, war dies mehr pragmatisch, als prinzipiell .Es gab aber auch befürwortende Stimmen, selbst von gut angesehenen Arbeiterführern.

Ich werde je ein positives und negatives Beispiel von öffentlichen Ereignissen anführen: Im Jahr 1907 fand der Kongress der internationalen Sozialisten in Stuttgart statt. [13] Zwei französische Sozialisten, darunter auch der berühmte Jean Jaurès, machten den Vorschlag, Esperanto auf die Tagesordnung zu setzen. Es sei in offiziellen Dokumenten der sozialistischen Internationale in Brüssel zu verwenden. Dieser relativ bescheidene Vorschlag erlitt Schiffbruch, hauptsächlich wegen des Protestes eines deutschen Sozialdemokraten. Übrigens ist diese Ablehnung von den Sozialdemokraten aus der Esperanto-Bewegung schlecht aufgenommen worden. Einige von ihnen legten Protest ein. Sie schrieben einen offenen Brief, in dem sie den Unterschied zwischen dem deklarierten Internationalismus und dem tatsächlichen Verhalten hervorhoben. [14] – Vergeblicher Protest!

Nun das zweite Beispiel – ebenfalls im Jahr 1917. Es betrifft den Kongress der anarchistischen Internationale, welcher damals in Amsterdam stattfand. [15] Einer der führenden Teilnehmer war der aktive Anarchist aus Belgien, Emile Chapelier (1870-?). Er war gleichzeitig aktiver Esperantist und Mitarbeiter der Internacia Socia Revuo und Autor von vielen Studien über die Beziehung von Anarchisten zur internationalen Sprache. Für den Kongress bereitete er einen umfangreichen Bericht vor. Dieser behandelte das Wesen, die Nützlichkeit und die Perspektive des Esperanto. Aber wegen der Manipulation in der Tagesordnung hatte er nicht das Recht, seinen Bericht vorzustellen. Daneben machte Chapelier zusammen mit dem anarchistischen Veteran Enrico Malatesta den weiteren Vorschlag einer Resolution. Die Anarchisten, wenigstens die Aktivsten, sollten Esperanto erlernen. Die Internationale der Anarchisten sollte Esperanto als Arbeitssprache gebrauchen. – Diese Resolution wurde abgelehnt. Der Kongress zeigte sich mehr pragmatisch als idealistisch, und nahm eine andere Resolution an. Sie rief die Kameraden dazu auf, wenigstens eine lebende Fremdsprache zu lernen.

Trotz des Fehlens jeglicher ideologischer Unterstützung in der Flut marxistischer Schriften breitete sich Esperanto in den Arbeiterkreisen langsam aus. Gebildete, idealistische Menschen erfassten instinktiv, dass die internationale Sprache unausweichlicher Teil der zukünftigen sozialistischen Gesellschaft darstellt. Sie begriffen auch, dass die praktische Anwendung dem internationalen Anspruch der Arbeiterbewegung konkreten Inhalt gibt. Für sie war der Aufruf: "Proletarier aller Länder, vereinigt euch" mehr als eine blutleere Phrase, nämlich etwas wirklich Erstrebenswertes.

Die ersten Arbeiter-Esperantogruppen waren sehr kämpferisch. Es genügt zu dieser Feststellung, das Programm des internationalen Bundes Frieden-Freiheit zu zitieren. Das Programm lautet:

  • Kampf gegen Militarismus, gegen Dogmen, Vorurteile, welche die Verbesserung der sozialen Verhältnisse blockieren.
  • Propagando für Esperanto unter Freidenkern, Internationalisten, Sozialisten, Anarchisten.
  • Bei Esperantisten die Gedanken des Antimilitarismus, Sozialismus, und Anarchismus zu propagieren. [16]

Diese revolutionäre Stimmung wurde im Jahr 1910 noch gesteigert, als der gleiche Bund mit dem neuen Namen Stern der Befreiung sein Programm verkündete: Aus "Kampf gegen Alkohol" wurde "Kampf gegen Religion" (was nicht einfach ist). Und das bescheidene "Verbesserung der Lebensverhältnisse" wurde radikal umformuliert in "Umsturz der kapitalistischen Verhältnisse". [17]

Heute spotten wir wahrscheinlich über die damalige pathetische Ausdrucksweise. Diese war aber angepasst an die Ideenströmung der Arbeiterschaft, die in erbärmlichen Verhältnissen lebte.

Wie wir sehen, wurde die internationale Sprache eingesetzt, um die Ziele des Sozialismus zu erreichen. Genau das ist klar und nüchtern in der Prinzipienerklärung der Arbeiter-Esperantisten-Union der Tschechoslowakei zusammengefasst. Die Revue Kulturo erklärt ihre Ideologie:

  • Zuallererst sind wir Sozialisten und danach Esperantisten. Unser Hauptziel ist die praktische Anwendung von Esperanto im Dienst des internationalen Sozialismus.
  • Die Einstellung zu Politik und Kultur kann nicht unwichtig sein, aber der wahre Esperantismus – wie jede gereifte Idee – muss zum Denken jedes fortschrittlichen Menschen gehören, gegen Kirche, gegen Nationalismus, gegen Militär und für Sozialismus.
  • Für uns ist diese Internationale Sprache ein Mittel, kein Ziel. [18]

Diese Grundsatzerklärung unterstreicht etwas sehr Wichtiges: nämlich dass eine internationale Sprache wesentlicher Teil einer fortschrittlichen Weltanschauung ist, und dass sie nicht in jeder beliebigen Umgebung erblühen kann. Diese Vorstellungen über die Rolle und Bedeutung der internationalen Sprache erschienen in verschiedenen Varianten in Arbeiter-Esperanto-Gruppen vor dem 1. Weltkrieg. Sie waren der Hintergrund für das Wachsen und Gedeihen starker Arbeiter-Esperanto-Organisationen zwischen den beiden Weltkriegen, parallel zu den neutralen Organisationen. In der selben Zeit erlebte SAT, die antinationalistische Weltbewegung, nicht nur ihren Höhepunkt, sondern auch scharfe ideologische Konflikte mit ihren verschiedenen Fraktionen. Aus diesen ergaben sich Abspaltungen in der Reihenfolge: Anarchisten, Kommunisten, Sozialisten. Aber diese interessante Periode gehört nicht zu meinem Vortragsthema. Auch nicht die tragischen Begebenheiten, als die Esperanto-Bewegung brutal unterdrückt wurde. Von den Nazis in Deutschland verfolgt, und in der Sowjetunion von Stalin erstickt. Auch ist die Degeneration des Arbeiter-Esperantismus und dessen überwiegende Verschwinden nach dem 2. Weltkrieg nicht mein Thema.

Aus der tumultösen Zwischenkriegszeit möchte ich trotzdem zwei Ideen herausstellen. Sie sollen eine Zusammenfassung bilden.

Die erste Idee ist ein Ausspruch des französischen Autors und Revolutionärs Henri Barbusse (1873-1935). 1922 erschien bei SAT die Broschüre For la Neutralismon!, die der SAT-Gründer Eugène Lanti verfaßt hatte, um die Existenz einer von der neutralen Esperanto-Bewegung abgetrennten Arbeiter-Esperanto-Bewegung zu rechtfertigen. Auf der Titelseite der Broschüre befand sich dieses Barbusse-Zitat:

"Die bürgerlichen und vornehmen Esperantisten werden immer stärker verwundert und erschreckt über die Kräfte dieses Talismans sein, dieses Instruments, das jedem eine Verständigungsmöglichkeit gibt." [19]

Barbusse war kein Esperantist, nur ein Sympathisant. Aber wenn wir seinen bombastischen Ton seiner Worte vergessen, verstehen wir klar: Vollständiger weltweiter Gebrauch der internationalen Sprache hat nicht nur Auswirkungen auf internationaler Ebene, sondern auch in den einzelnen Gesellschaften. Konsequenzen, über die sich ein nicht gesellschaftlich engagierter Esperantist kaum bewusst ist. Konsequenzen, welche direkt das konservative Weltbild angreifen. Werden die zur Zeit gebrauchten Sprachen die gleichen Vorteile geniessen wie heute? Wird ihr kultureller und wirtschaftlicher Druck auf die übrige Welt nicht abnehmen? Ausserdem: wird der Chauvinismus und extreme Nationalismus gleicherweise verschwinden? Laufen sie nicht Gefahr, ihre brutalen Auswirkungen zu verlieren? Und wenn immer breitere Volksmassen über das praktische Verständigungsmittel verfügen, wäre das nicht ein Schritt auf dem Weg zu mehr Demokratie? Wird es nicht die Kulturelite mit ihren Intellektuellen anknabbern? – Wird das geschehen? – Nun, das mag genügen. Die internationale Sprache ist niemals nur ein unschuldiges Hobby. Sie kann unser Weltbild gründlich verändern. Das verstanden zum Beispiel klar die Nazis, als sie im Jahr 1936 offiziell Esperanto verboten, mit dem Argument: eine internationale gemischte Sprache ist gegen das Grundverständnis des Nationalsozialismus. [20]

Mit anderen Worten: Die internationale Sprache ist ideologisch sehr vorbelastet, ihr Fundament ist nicht neutral. Trotzdem sollten wir verstehen, dass dieser ideologische Hintergrund hängt von der Rolle ab, die man der internationalen Sprache zuerkennen will, sowohl in der Vergangenheit wie in der Zukunft. Je anspruchsvoller die Rolle ist, die wir ihr geben, desto schwerer wiegt die ideologische Seite, um so mehr trifft sie auf äusseren Widerstand.

Die zweite interessante Idee, welche ich ansprechen möchte, ergänzt die erste. Der Österreicher Franz Jonas 1899-1974, drückte sie Anfang der dreissiger Jahre aus. Er war damals der hauptsächliche Führer der gut organisierten Arbeiter-Esperantisten in Österreich. Ausserdem besass er eine starke Persönlichkeit, war politisch sehr aktiv, und nach dem 2. Weltkrieg wurde er Bürgermeister in Wien und später, von 1965-1974 sogar österreichischer Staatspräsident. Im Jahr 1933, als SAT wegen des Absprungs der orthodoxen Kommunisten eine Krise durchlebte, fand auch Jonas die Beteiligung der Sozialisten in SAT nicht mehr sinnvoll. Er entschied sich, eine eigene Organisation zu gründen, die Internationale der sozialistischen Esperantisten. Mittels dieser Organisation hoffte er, die zweite Internationale besser beeinflussen zu können. [21] Dies ist der Kern seines Gedankengangs: "Sozialismus braucht unbedingt eine internationale Sprache, weil der Sozialismus nur international zu verwirklichen ist." [22]

Diese Überzeugung sehe auch ich als richtig an, aber sie betrifft nicht direkt unser Thema. Die Schlußfolgerung, dass internationaler Sozialismus unbedingt eine internationale Sprache benötigt, ist sehr logisch. Weil ohne gemeinsame Sprache die internationale Ordnung kulturelle Diskrimination und auch nicht-gleichberechtigte Völker beibehalten würde, was den Keim des Chauvinismus in sich trüge – und das wäre nicht mehr Sozialismus. Im Übrigen, ein wie auch immer gearteter fortschrittlicher Weltentwurf, welcher eine gerechtere Welt für Alle aufbauen will, ist schwerlich realisierbar, wenn er sich nicht positiv zur Idee und zur Verwirklichung der Weltsprache verhält. Beides ist miteinander verbunden, beide brauchen sich gegenseitig.

...

[1] FORSTER, Peter G.: The Esperanto Movement, den Haag-Paris-New York: Mouton Publ., 1982 (s. insbesondere das Kapitel 'Socialism and Esperanto')

[2] LINS, Ulrich: La dangera lingvo. Studo pri la persekutoj kontrau Esperanto, 2. Ausg., Moskau: Progreso, 1990, S. 316-323

[3] Lins (1990) S. 320

[4] RÀTKAI, Àrpád: "Socialismaj teorioj kaj la internacia laborista asocio pri la universala lingvo", in BLANKE, Detlev (red.): Socipolitikaj aspektoj de la Esperanto-movado, Budapest: Hungara Esperanto-Asocio, 1978, S. 23

[5] LINS, Ulrich: "Marxismus und Internationale Sprache", in DUC GONINAZ, Michel (red.): Studoj pri la Internacia Lingvo, Gent: AIMAV, 1987, S. 38

[6] PODKAMINER, Semjon N.: "Lenin kaj Esperanto", in BLANKE: Socipolitikaj aspektoj ..., 1978, S. 38

[7] Lins (1990), S. 338

[8] Podkaminer (1978), S. 42

[9] Lins (1990), S. 383-403

[10] Lins (1990), S. 450; auch in DUC GONINAZ, Michel: "La lecionoj de 'La dangera lingvo'", in Sennacieca Revuo 1993, Paris: SAT, S. 2

[11] Lins (1987), S. 38-39 und Lins (1990), S. 326

[12] Lins (1987), S. 34, 39 und Lins (1990), S. 332, sowie in BLANKE, Detlev: "Lerni el la historio" (S. 532-543 in Lins, U.: La dangera lingvo)

[13] Lins (1987), S. 32 und Lins (1990), S. 55

[14] BRUIN, Gerrit Paulus de: Laborista esperanta movado antau la mondmilito, Paris: SAT, 1936, S. 30-31

[15] MOULAERT, Jan: Rood en Zwart. De anarchistische beweging in Belgie 1880-1914, Leuven: Davidsfonds, 1995, S. 289, 295

[16] de Bruin (1936) S. 21

[17] de Bruin (1936) S. 22

[18] de Bruin (1936) S. 7-8

[19] LANTI, Eugène: For la Neutralismon!, Paris: SAT, 1922 (2. Ausg. 1928), Titelseite

[20] Lins (1990) S. 119

[21] Lins (1990) S. 276

[22] BORSBOOM, Eduard: Vivo de Lanti, Paris: SAT, 1976, S. 117 nach oben

ĝisdatigo de 2017-04-18 / zuletzt geändert am 18. 4. 2017