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[Dieser Artikel von Javier Guerrero erscheint hier mit freundlicher Genehmigung des Autors. Die spanische Originalfassung erschien in seinem Blog "Esperantaj bitoj": http://enesperantujo.blogspot.com/2010/03/petro.html; deutsche Übers. v. GM]

Dieses Buch war mein erster Kontakt mit Esperanto seit Jahrzehnten. Seine sechste Ausgabe ist die von 1934 (wobei die erste 1925 erschien) und hat, so wie ich mich erinnere, 180 Peseten gekostet.

Obwohl weder Buchdeckel noch Titelseite einen Hinweis enthält, ist dieses Esperanto-Lehrbuch "für Arbeiter" das Werk von Norberto Bartelmes (Norbert Barthelmess, geb. 1897 in Düsseldorf, gest. 1987 in Bry-sur-Marne) in Zusammenarbeit mit R. Lerchner. Aus dem Vorwort geht hervor, dass Bartelmes das Werk in seiner 5. Ausgabe vollständig neu bearbeitet und Übungen hinzugefügt hat, die den roten Faden des Lehrwerks ausmachen.

Einzige bedeutende Veränderung in der 6. Ausgabe scheint die Entfernung des Glossars zu sein, was wahrscheinlich den Hinweis am Ende des Vorworts "Al la instruantoj!" [an die Unterrichtenden] erklärt:

"Mit Hilfe eines einfachen 'Ĉefeĉ-Ŝlosilo' können sogar Autodidakten mit Petro lernen!"

Was war dieser "Ĉefeĉ-Schlüssel", in Verbindung mit dem Petro auch zum Selbstunterricht dienen sollte? Ĉefeĉ war das Pseudonym von Herbert F. Höveler (1859-1918), einem deutschen Esperantisten, der nach London ausgewandert war, wo er 1907 die Ĉekbanko Esperantista gründete. 1905 hatte Ĉefeĉ seinen ersten "Schlüssel" in englischsprachiger Ausgabe herausgebracht.

[Bildquelle: http://www.ipernity.com/doc/bernardo/5052220]

Der Enciklopedio de Esperanto (EdE) zufolge, sollten die "Schlüssel" Beiblätter zu einem niedrigen Preis und von geringem Gewicht sein, die in eine Briefsendung hineinpassten. Und sie erklärt ihren Nutzen so: "Zum Beispiel schreibt ein Esperantist an jemanden in einem Land, dessen Sprache er nicht kennt. Er schreibt auf Esperanto und schickt einen 'Schlüssel' mit." Der Eintrag in der EdE macht klar, dass die "Schlüssel" in dieser Urkonzeption viele Esperanto-Pioniere in bestimmten Ländern warb. Ab 1925 beschäftigte sich das Internacia Centra Komitato (in einer für den Esperanto-Weltbund UEA etwas stürmischen Zeit) mit der Herausgabe von Schlüsseln in zahlreichen Sprachen - in einigen Fällen in über 100 000 Exemplaren.

Hauptinhalt des Lehrbuchs ist die Erzählung über das harte Leben von Petro von seinem Geburt bis zu seinem Tod ("Petro estis unu el la multnombraj viktimoj de la kapitalista ekspluatado"), wozu das Erlernen von Esperanto und Teilnahme an der Arbeiterbewegung gehörten. Ein Kapitel ("Alveno en Barcelonon") bringt den Idealisten Petro in die katalanische Hauptstadt, nach demselben Szenario, nach dem Cervantes Don Quijote mit der wirklichen Welt wieder zusammenkommen läßt, wie Frederic Pujulà i Vallès im Vorwort seiner Übersetzung Don Kiĥoto de la Manĉo en Barcelono (fünf Kapitel) argumentiert.

Und war das fiktive Leben des Petro unglücklich, so war es das wirkliche Leben des Vaters der Erzählungsfigur nicht weniger. Bartelmes kam 1897 in einer Künstlerfamilie zur Welt. Mit sechs Jahren lernte er, Klavier zu spielen, und mit vierzehn Esperanto. In derselben Zeit trat er in die SPD ein. Beim Ausbruch des 1. Weltkriegs lehnte er ab, in die kämpfende Truppe einzutreten, und wurde zum zivilen Dienst im militärischen Krankenhaus von Lüttich herangezogen. Als er einen traumatischen Schock erlitt, wurde er nach Hause in Düsseldorf geschickt. Einmal genesen, nahm er Arbeit in einer Bank auf, wurde aber 1916 in die Armee eingezogen. Er betätigte sich in der kommunistischen Jugend und in SAT (Sennacieca Asocio Tutmonda = Anationaler Weltbund). In dieser Zeit zwischen den Weltkriegen gründete er die Kooperative Verlagsabteilung von SAT und übersetzte den ersten Teil von Goethes Faust ins Esperanto (1923). Es war auch die Kooperative Verlagsabteilung, die Petro veröffentlichte und das wichtigste lexikographische Werk des Esperanto, das Plena Vortaro, Vorgänger des heutigen Plena Ilustrita Vortaro, erarbeiten ließ.

Die 2. Ausgabe des Plena Vortaro de Esperanto wird auf den Seiten von Petro angekündigt.

Der 2. Weltkrieg wurde noch komplizierter für Bartelmes. Die französische Polizei verhaftete ihn beim Ausbruch der Feindseligkeiten. Bei der Ankunft der deutschen Truppen im Juni 1940 kam er frei und wurde nach Düsseldorf geschickt, aber 1942 wurde er durch die Gestapo in einem Gefängnis in Nordfrankreich und danach in einem KZ eingesperrt. Am Ende zog man ihn 1944 als Ambulanzfahrer ein, und 1945 wurde er durch US-Amerikaner gefangengenommen.

Von 1950 bis 1982 war Bartelmes Chefredakteur des SAT-Organs Sennaciulo. Er veröffentlichte verschiedene Geschichten, in denen er Themen der proletarischen Jugend behandelte, und beteiligte sich am Erstellen des Gesangbuches Proletaria kantaro (1924). So ist es nicht erstaunlich, dass der Esperanto-Text der Internationale auf den letzten Seiten von Petro abgedruckt ist. Das ist natürlich nicht das einzige revolutionäre Lied, das es in einer Esperanto-Version gibt, wie diese dreisprachige Rockversion von A las barricadas, gesungen von JoMo kaj Liberecanoj, zeigt.

Nach dem offensichtlichen Erfolg, den die sechs Ausgaben in weniger als einem Jahrzehnt ahnen lassen, war Petro dabei, in Vergessenheit zu geraten. 2004 bezweifelte Vinko Markov in einer Buchbesprechung, die in Sennaciulo veröffentlicht wurde und hier zu lesen ist, dass ein Lehrbuch, das einst in Tausenden von Exemplaren verkauft wurde, schon hinfällig sei.

Quellen: die biographischen Daten über Bartelmes stammen aus der Esperanto-Wikipedia.

Javier Guerrero nach oben

ĝisdatigo de 2017-04-18 / zuletzt geändert am 18. 04. 2017