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[Text: Autorengruppe aus Kongressteilnehmern]

Kennst du einen Verband, dessen Mitglieder untereinander eine einzige Sprache sprechen – obwohl sie aus den verschiedensten sprachlichen Milieus und Sprachgebieten der Welt stammen und obwohl sie überwiegend nicht zu den hohen Gesellschaftsschichten ihrer jeweiligen Wohnorte gehören? So etwas ist der Sennacieca Asocio Tutmonda (Anationaler Weltbund), kurz: SAT.

SAT, 1921 gegründet, ist eine weltweite, aus der Arbeiterbewegung stammende und politisch links stehende Organisation, die hauptsächlich Bildungszwecken dient. Als weltweiter Verband mit Einzelmitgliedschaft – und mit den Mitgliedern und der Zweckbestimmung, die er hat – ist er ein Unikum. Die roten Fäden, die seine Geschichte von Anfang an durchziehen, sind der Gedanke der Arbeitersolidarität und die selbständig betriebene Bildungstätigkeit, die sich durch unmittelbare Kontakte auf Basisebene entfalten. Somit besteht ein Unterschied zum Internationalismus in seiner gewöhnlichen Ausprägung (Verbindungen zwischen nationalen Organisationen, die von "Spezialisten" mit Fremdsprachenkenntnissen unterhalten werden). SAT löst das Problem mit den Sprachen durch Gebrauch des sprachlich neutralen Esperanto. Einer der Gründer von SAT, Eŭgeno Lanti, hat sich so dazu geäußert: "Die geistige Auseinandersetzung zwischen den Proletariern der verschiedenen Länder findet eigentlich nur durch die Vermittlung polyglotter Intellektueller statt. Darum ist die Tätigkeit des SAT, der darauf abzielt, die Arbeiter der ganzen Welt unmittelbar zusammenzubringen, revolutionär in ihrem Wesen."

Weil er "Interindividualität" an die Stelle von "Internationalität" setzt, indem er bewusst auf eine innere Struktur verzichtet, die die nationalen Trennungslinien in der Welt reproduziert, bezeichnet sich SAT als "anational" und geht damit einen Schritt über den Internationalismus hinaus. Das erklärt auch den Namen: Anationaler Weltbund.

SAT veranstaltet jedes Jahr in einem anderen Land einen Kongress. Diesmal, vom 18. bis zum 25. Juli 2009 und mit 70 Teilnehmern, in Mailand. Wie immer war die Konferenzsprache Esperanto, begleitet natürlich ab und zu vom Italienischen (mit Übersetzung), da es ja einen Austausch mit Vertretern der örtlichen Gesellschaft geben sollte und gab.

Was ist denn dieses Esperanto? Esperanto wurde 1887 von Dr. L. L. Zamenhof, einem im (heute polnischen) westlichen Teil des russischen Reiches lebenden jüdischen Augenarzt vorgeschlagen. Er wollte eine leicht erlernbare, regelmäßige Sprache entwickeln und mit Gleichgesinnten erproben, die später als internationale Zweitsprache für alle eingeführt werden sollte. Eine solche Sprache wird heute meist als "Plansprache" bezeichnet. Es ist eine Sprache, deren Urheber die Barrieren zwischen den Völkern abbauen wollte und sie deshalb mal als "international", mal als "anational" bezeichnet hat. Sie ist neutral in dem Sinne, dass sie nicht an ein bestimmtes Land oder an eine Volksgruppe gebunden ist. Zamenhof wollte damit einen Beitrag zur Konfliktlinderung und zum Frieden leisten. Einen beachtlichen Durchbruch hat Esperanto schon geschafft: es wurde eine generationsübergreifende lebende Sprache, die Hunderttausende in aller Welt gelernt haben. Sie sind teilweise in Verbänden organisiert. SAT hat etwa 600 Mitglieder. Der größere Esperanto-Weltbund UEA (Universala Esperanto-Asocio) hat etwa 6000 Einzelmitglieder in 120 Ländern. Esperanto stellt seine Gebrauchsfähigkeit ständig unter Beweis. Es erweist seinen Sprechern auch viele praktische Dienste und ermöglicht ihnen, einen kosmopolitischeren Lebensstil zu pflegen, als sie sonst könnten.

Dieser Kongress wurde von ARCI Esperanto organisiert, einem von mehreren Esperanto-Verbänden, die in einzelnen Ländern bzw. Sprachgebieten tätig sind. ARCI Esperanto ist gleichzeitig ein Zweig von ARCI, der Associazione Ricreativa e Culturale Italiana. ARCI gehören etwa 1 150 000 Menschen an, die sich in etwa 6000 Ortsgruppen u.a. mit Kultur (Kunst, Kino/Fernsehen, Literatur/Poesie, Musik, Theater/Tanz), Tourismus, Menschenrechte, Sozialem, Gemeinschaftsdienst und internationaler Solidarität befassen. ARCI, die von Anfang an der Linken nahe steht, nimmt auch am Weltsozialforum teil. Dieser Kongress hat viel zur Festigung der Beziehungen zwischen SAT und ARCI beigetragen, insoweit, als festgestellt wurde, wie beide Verbände sich gegenseitig ergänzen wie auch, dass beide von einem anationalen Grundethos getragen werden. Interessante Möglichkeiten der Zusammenarbeit könnten sich ergeben. ARCI war es, die einige leichtere Teile des kulturellen-bildenden Programms organisierte: Ausflüge zu den Borromäischen Inseln auf dem Lago Maggiore, mit dem Zug von Domodossola nach Locarno (Schweiz) und Führungen zu Stätten der Renaissance bzw. der Römerzeit in Mailand.

Zum Bildungsprogramm gehörten auch Vorträge über die Haltung von Gramsci zu Esperanto, unbekannte (esperantosprachige) Schriftsteller der Ukraine, Klassenkämpfe in den USA, ethische Banken (ARCI nimmt aktiv teil an der Banca Popolare Etica), von Anna Löwenstein über ihren neuen historischen Roman auf Esperanto, Morto de artisto, über den römischen Kaiser Nero. Dazu kamen Foren über Lateinamerika, Nahost und Madagaskar (während derer eine Madagassin die jüngsten Ereignisse auf der großen Insel beschrieben und verschiedene Fragen beantwortete, und die politische Lage Lateinamerikas und die möglichen Lösungen für den palästinensisch-israelischen Konflikt erörtert wurden – wobei in den letzten beiden Fällen Mitglieder beschlossen, direkte Kontakte zu den Einwohnern der betreffenden Gebiete aufzunehmen, um zusätzliche Informationen zu beschaffen). Zu den unterhaltenden Abendveranstaltungen gehörten Konzerte der Gruppen Vojirantoj und Reverie, die das aktuelle Kongressthema ("Grenzenlos migrieren, anational leben") in ihren Liedern behandelten, indem sie die Teilnehmer an die immigrantenfeindliche Politik Italiens und anderer Länder in einer Welt, in der die Lebensbedingungen immer schlechter werden, erinnerten.

SAT versucht, so basisdemokratisch wie möglich zu funktionieren. Deshalb geht ein nicht unerheblicher Anteil der Zeit und Energie der Teilnehmer für vier morgendliche allgemeine Mitgliederversammlungen drauf, in denen SAT-Mitglieder Auskünfte einholen und sich über alle Aspekte der Verbandstätigkeit äußern, und das Vollzugskomitee, das oberste Entscheidungsorgan, befragen und ihm Aufträge erteilen.

Für einige Untergruppen von SAT, bzw. mit SAT verbundene Organisationen, bietet der Kongress eine günstige Gelegenheit, ihr Jahrestreffen zu veranstalten. So trafen sich ARCI Esperanto und auch einige SAT-"Fraktionen" – eigentlich Plattformen von Anhängern einer jeweiligen Strömung, die u.a. dazu da sind, mit analogen Gruppen außerhalb von SAT Kontakte zu unterhalten. Die pazifistische, kommunistische, libertäre und anationalistische Fraktion von SAT hielten Sitzungen ab. Die Pazifistische Fraktion tritt für die Osloer Konvention gegen Streumunition ein und ruft zum Handeln auf, damit so viele Staaten wie möglich die Konvention unterschreiben, bzw. ratifizieren. Mitglieder der Kommunistischen Fraktion trafen sich mit Alessandro Rizzo, einem Stadtbezirksrat der Opposition und Mitglied der linksalternativen Partei "Demokratische Linke". Bei den Anationalisten handelt es sich um Anhänger einer Strömung, die Universalismus, radikalen Antinationalismus und die praktische Nutzbarmachung des Esperanto als Instrument der Erziehung zum außernationalen Denken umfasst.

Ein Höhepunkt des Kongresses war ein Podiumsgespräch (mit großer Publikumsteilnahme) zwischen Probal Dasgupta, dem Vorsitzenden von UEA, und Jakvo Schram, dem Vorsitzenden des Vollzugskomitees von SAT. Das Gespräch machte die unterschiedlichen Betrachtungsweisen der beiden Organisationen bezüglich des Esperanto sichtbar: während UEA in erster Linie Esperanto in aller Welt propagiert, nutzt SAT Esperanto für seine Zwecke (nach dem Wortlaut des Statuts "klassenkämpferische", auch wenn es eine hin und wieder aufflammende Debatte darüber gibt, ob diese Definition noch ausreichend oder überhaupt sinnvoll sei). Eine Neuigkeit war, dass der UEA-Vorsitzende sich von der hie und da vernehmbaren Neigung in seiner Organisation absetzte, SAT so zu umklammern, dass es wie ein Einverleibungsversuch aussieht. Probal Dasgupta rief SAT auf, "SAT zu sein", und gab zu erkennen, dass er dessen spezifische Rolle abseits von der Esperanto-Bewegung begriffen hat.

          

Trotz der allgemein guten Stimmung und trotz des, mit stürmischeren Kongressen der Vergangenheit verglichen, harmonischen Verlaufs, konnten die anwesenden SAT-Mitglieder ein großes Problem nicht verdrängen, das der Organisation seit einigen Jahren zu schaffen macht: die fallende Mitgliederzahl, die sich auch in der niedrigen Teilnehmerzahl des Kongresses widerspiegelt: 70 Teilnehmer sind im Vergleich zu vergangenen Jahrzehnten nicht viel. Die Ursachen dieser Situation sind vielfältig, umstritten und auch nicht gründlich erforscht, aber neuerdings ist immerhin ein Zuwachs an Lebendigkeit und ein Aufblühen neuer Projekte festzustellen, darunter an hervorragender Stelle die Kooperative Verlagsabteilung, die seit einigen Jahren tätig ist und in diesem Jahr zwei neue Werke zu aktuellen Themen herausgebracht hat: Kompendio de la Kapitalo von Carlo Cafiero, eine Zusammenfassung des ersten Bandes des Kapitals von Karl Marx, sowie Plano B von Lester R. Brown, eine synoptische, jedoch umfassende Beschreibung der allgemeinen Krise der Welt (Umwelt, Gesellschaft, Wirtschaft usw.) und möglicher Lösungsansätze. Die Zukunft von SAT sieht vielversprechend aus, zumal die bevorstehende Arbeit in einer angespannten Weltlage zu leisten ist, in der der politische Gebrauch des Esperanto neuen Sinn erhält. Das neuerdings angewachsene Selbstbewusstsein von SAT und eine neue Betonung seiner originären Ziele haben SAT darauf eingestimmt, sich ideologisch etwas stärker von der Esperanto-Bewegung zu lösen. Damit wird er als eigenständiger Debattenteilnehmer wahrnehmbarer.

Es zeigt sich, dass einige traditionelle Eigenschaften und Motive von SAT mit Tätigkeitsfelder und Motiven der heutigen Linke gut übereinstimmen:
- Bereitschaft der verschiedenen parteimäßig organisierten Tendenzen, weniger dogmatisch und sektiererisch als in der Vergangenheit miteinander umzugehen,
- das Bemühen um vernetzte, basisdemokratisch organisierte Zusammenarbeit verschiedener Strömungen, und
- Antinationalismus, der nach und nach – neben den besser entwickelten Antirassismus und Antisexismus – zu einer der Säulen linkspolitischer Tätigkeit wird, was er in SAT von Anfang an war.

So kommt es, dass SAT auf seinem Kongress in Mailand sechs neue Mitglieder aufnahm, eine Zahl, die angesichts der Gesamtzahl der Teilnehmer bemerkenswert ist und die für die allgemeine Stimmung und die Qualitäten des Programms spricht.

Die Devise "Proletarier aller Länder vereinigt euch!" ist 2009 in Mailand wieder – und sei es auch in einem winzigen Rahmen – Wirklichkeit geworden, was Hoffnung weckt, dass es der Menschheit insgesamt einmal gelingt, eine gerechtere, klassenlose Weltgesellschaft hervorzubringen.

Deklaration des SAT-Kongresses 2009

Der 82. Kongress des Anationalen Weltbundes (SAT, Sennacieca Asocio Tutmonda) in Mailand, der vom 18. bis zum 24. Juli 2009 tagte, unterstreicht, dass das Statut die SAT-Mitglieder ermuntert, auf verschiedenen Gebieten aktiv zu sein. Kongressthema dieses Jahres war "Grenzenlos migrieren, anational leben". Die Teilnehmer des SAT-Kongresses, als Gäste der befreundeten italienischen Vereinigung ARCI Esperanto, debattierten über Frieden, Migration, ethische Banken sowie die Lage in Südamerika, Madagaskar, dem Nahen Osten und anderen Weltregionen.

Der Kongress

  • erinnert die Botschafter von China, Finnland, Indien, Israel, Pakistan, Russland und den USA daran, dass SAT diese Länder schon seit einigen Jahren schriftlich ersucht, die Ottawa-Konvention zu unterschreiben. Keins davon hat diese bisher unterschrieben. SAT bittet sie wieder einmal nachdrücklich, die Ottawa-Konvention zu unterschreiben,
  • betont das Recht der Menschen in der ganzen Welt, ihren Lebens- und Wohnort selbständig und frei zu wählen, sei es dort, wo sie geboren wurden, sei es sonstwo, wo es ihnen aus Umweltgründen oder aus beruflicher, politischer oder anderer Notwendigkeit am besten passt, ohne nationale und grenzenbezogene Rücksichten, sondern unter Berücksichtigung des eigenen Interesses sowie der Interessen der ganzen Menschheit,
  • bekundet sein Interesse für das Projekt, im Jahre 2010 eine Europäische Ethische Bank (EEB) durch Fusion der drei bestehenden ethischen Banken (Banca Popolare Etica in Italien, NEF in Frankreich und FIARE in Spanien) zu gründen, aus der Erwägung heraus, dass diese Bank wahrscheinlich mit ethisch vertretbareren Mitteln als andere Banken handeln wird,
  • erkennt in der Aktivität von ARCI, der italienischen Arbeiter-Kulturvereinigung, eine geistige Ausrichtung und Bildungsziele, die Gemeinsamkeiten mit ihren eigenen aufweisen, und ermutigt die SAT-Mitglieder, sich an ihrer Tätigkeit zu beteiligen, um damit eine künftige Zusammenarbeit der Organisationen vorzubereiten,
  • erkennt die Tragweite der u.a. durch Nationalismus und Kapitalismus entstandenen Schwierigkeiten, vor denen Menschen in einigen Weltteilen wie Südamerika, Madagaskar und dem Nahen Osten stehen, und beabsichtigt einen aufklärenden Austausch mit diesen Menschen, um unsere gemeinsame Emanzipation zu fördern. nach oben

ĝisdatigo de 2017-04-18 / zuletzt geändert am 18. 4. 2017