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Grußadresse an den Arbeiter-Esperanto-Weltkongress

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[Dieser Gruß an den 83. Kongress von SAT in Braşov (Rumänien) wurde von Alan Woods für die Internationale Marxistische Tendenz (IMT) verfaßt. Er erschien zuerst auf englisch bei der IMT und auf Esperanto bei SAT.]

Für die Internationale Marxistische Tendenz begrüße ich den Welt-Esperanto-Kongress der Arbeiter, der in Braşov, Rumänien, im August stattfindet.

Der biblischen Legende zufolge wurde im altertümlichen Babylon ein riesiger Turm gebaut, dessen Zusammensturz zur Sprachverwirrung führte, bei der Männer und Frauen für ihre Anmaßung bestraft wurden, indem sie dazu verurteilt wurden, gegenseitig unverständliche Sprachen zu sprechen.

Man muß nicht an diesen Mythos glauben, um die Unermesslichkeit der Hindernisse zu begreifen, die dem freien Verkehr der Menschheit im Wege stehen.

Im Mittelalter, noch vor dem Entstehen der modernen Nationalstaaten, wurde das Wirtschaftsleben und das kulturelle Leben der Nationen durch Schranken wie örtliche Mauten und Steuern eingeengt. Die historisch fortschrittliche Aufgabe des Kapitalismus war es, diese überholten Schranken zu schleifen und die Epoche des Nationalstaats einzuleiten.

Heute aber, im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts, hat sich der Nationalstaat selbst in ein Hindernis für den menschlichen Fortschritt verwandelt. Die Entwicklung der Produktivkräfte und des Weltmarktes im Kapitalismus hat die engen Grenzen des Nationalstaats und des Privateigentums längst gesprengt.

Die gegenwärtige Krise ist im Grunde Ausdruck des Aufstandes der Produktivkräfte gegen diese unerträgliche Zwangsjacke, die die Entwicklung der menschlichen Zivilisation und Kultur zurückhält.

Die Zukunft der Menschheit, ja tatsächlich die Rettung des Lebens auf der Erde, erfordert einen radikalen Bruch mit der Vergangenheit. Eine rationale Planwirtschaft unter demokratischer Kontrolle der Arbeiterklasse ist die einzige Alternative zur zerstörerischen Anarchie des Marktes.

Der Sozialismus ist aber von Natur aus internationalistisch. Unser Internationalismus ist nicht von sentimentalen Erwägungen diktiert. Er entspricht einer zwingenden Notwendigkeit. Die Welt ist bereits als ein einziges unauflösliches Gebilde vereint: als Weltmarkt.

Im Kapitalismus bedeutet Globalisierung aber nicht die Beseitigung nationaler Widersprüche, sondern im Gegenteil die Verschärfung dieser Widerspüche in einem nie da gewesenen Maß, mit Massenarbeitslosigkeit, Protektionismus, Kriegen, Terrorismus, Rassismus und allen anderen Schrecknissen, die wir überall sehen.

Um diese Widerspüche aufzulösen, ist eine auf der Grundlage eines rationalen Plans geleitete Weltwirtschaft notwendig, die gerechte und harmonische Beziehungen zwischen ihren Bestandteilen herstellt. Das kann nur durch den Sturz des Kapitalismus und die Errichtung einer sozialistischen Weltföderation erreicht werden.

Die Esperanto-Bewegung ist seit ihrem Entstehen eng mit dem Sozialismus und dem Kampf der Arbeiter der Welt um ihre Emanzipation von kapitalistischer Sklaverei verknüpft. Erst wenn Männer und Frauen wirklich freie und gleiche gesellschaftliche Verhältnisse herbeigeführt haben, kann von einem Sprung der Menschheit aus dem Reich der Notwendigkeit ins Reich der Freiheit die Rede sein.

In einer sozialistischen Welt werden nationale Schranken, Pässe und Zollschranken in den Mülleimer der Geschichte geworfen, zusammen mit dem ganzen alten einseitigen nationalistischen und rassistischen Müll. Künftige Generationen werden sie so betrachten, wie wir heute die alten lokalen Schranken des Feudalismus betrachten, die die bürgerlichen Revolutionen der Vergangenheit hinweggefegt haben.

In der neuen Morgendämmerung der Menschheit wird die Idee einer internationalen Sprache zur Reife gelangen. So wie im mittelalterlichen Europa jeder Gebildete Latein lesen und sprechen konnte, so werden Menschen im künftigen sozialistischen Gemeinwesen frei in einer Weltsprache kommunizieren können.

Vielleicht ist es verfrüht, erraten zu wollen, welche Sprache das sein wird. Im Allgemeinen ist die Entwicklung von Sprachen ein komplizierter Vorgang, der jedem Versuch rationaler Planung widerstrebt. Wir können annehmen, dass Menschen ganz natürlich ihre eigenen Wahlen auf Grundlage gemeinsamer Erfahrung treffen werden. Die endgültige Wahl könnte Esperanto sein, vielleicht aber auch eine Abwandlung von einer der existierenden Weltsprachen (Englisch, Spanisch, Chinesisch ...) sein. Es ist zu früh, das vorauszusagen.

Aber welche Richtung die Menschheit künftig auch immer einschlägt, klar ersichtlich ist die Vorreiterrolle der Esperanto-Bewegung mit ihrem großen Beitrag zum Kampf um Demokratie, Sozialismus und Internationalismus.

Die Tatsache an sich, dass sich Männer und Frauen aus verschiedenen Teilen der Welt versammelt haben, um in einer gemeinsamen Sprache die Probleme zu erörtern, mit denen sich die Arbeiterklasse weltweit konfrontiert sieht, ist Beweis genug für die nachhaltige Lebendigkeit der Esperanto-Bewegung.

Wir wünschen Euch viel Erfolg bei Eurer Arbeit, und sehen dem Tag entgegen, an dem die Menschheit endlich dem Babelturm-Mythos entwächst und eine gemeinsame Sprache – lebenswichtiger Bestandteil der gemeinsamen Sache des Aufbaus einer Welt, die freien Menschen würdig ist – finden kann.

21. Juli 2010

ĝisdatigo de 2017-04-18 / zuletzt geändert am 18. 4. 2017