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[Auszug aus: Une langue pour tous: l’Espéranto / Unu lingvo por ĉiuj von Eduardo Vivancos, Editions du Groupe Fresnes-Antony (Volonté Anarchiste 34), Paris 1987, p. 30-52; deutsche Übers. v. GM]

Inhalt

  1. Der organisierte Esperantismus
  2. Das neutrale Esperanto
  3. Esperanto und Sozialismus
  4. Die Zurückweisung des Marxismus
  5. Eŭgeno Lanti (Eugène Adam)
  6. Esperanto und die Anarchisten

1. Der organisierte Esperantismus

Die erste organisierte Esperanto-Gruppe wurde 1888 in Nürnberg gegründet, und kurz danach bildete sich ein Netzwerk von örtlichen und landesweiten Gruppen, die sich der Verbreitung von Esperanto widmeten. Diese Gruppen arbeiteten mehr oder weniger zusammen. 1893 wurde auf Vorschlag von Zamenhof ein aus Abonnenten von La Esperantisto bestehender Weltbund der Esperantisten gegründet, der die Tätigkeit der verschiedenen Gruppen koordinierte und 1905 die Abhaltung des ersten Weltkongresses in Boulogne-sur-Mer ermöglichte. Auf den Weltbund der Esperantisten folgte UEA (Universala Esperanto-Asocio = Esperanto-Weltbund), der Esperantisten aller Länder und aller Strömungen organisierte. UEA wurde 1908 auf Initiative der Schweizer Théophile Rousseau und Hector Hodler gegründet. Letzterer war Sohn des berühmten Malers und Bildhauers Ferdinand Hodler.

Die Initiatoren des neuen Verbandes glaubten, dass es nicht reiche, die neue Sprache nur zu besitzen, sondern dass es darauf ankomme, sie ins praktische Alltagsleben einzuführen. Nach seinem Statut nimmt sich UEA vor:

1. die moralischen und materiellen Beziehungen unter den Menschen unbeachtet der Nationalität, Rasse oder Muttersprache zu erleichtern,

2. ein starkes Gefühl der Solidarität und Verständigung unter seinen Mitgliedern zu fördern,

3. den Gebrauch von Esperanto zu stimulieren, sowie

4. einen internationalen Dienst zu schaffen, der denjenigen Menschen und Gruppen zur Verfügung steht, deren Interessenlage Beziehungen zu anderen Ländern erfordert.

2. Das neutrale Esperanto

Politisch ist UEA neutral, aber eine solche Neutralität zwingt es zu Drahtseilakten, deren Ergebnisse zu wünschen übrig lassen. Gegenwärtig hat UEA mehr als 40.000 Mitglieder [1] und verfügt bei amtlichen Stellen über einen gewissen Einfluss, etwa bei UNO und UNESCO.

Zweifellos waren Hodler und Rousseau, wie auch Zamenhof selbst, vor allem idealistisch und aufrichtig. Es muss nicht besonders erwähnt werden, dass die im UEA-Statut festgelegten Ziele nicht völlig mit libertären Zielsetzungen übereinstimmen, und es muss festgestellt werden, dass die Idee der Anwendung einer Weltsprache, entgegen dem Wunsch des Urhebers des Esperanto, sich am schnellsten in bürgerlichen Kreisen verbreitet hat, in denen die Sprache zu recht unidealistischen Zwecken verwendet worden ist. Geschäftsleute lernten Esperanto um ihrer Geschäfte willen, bürgerliche Müßiggänger lernten es aus Snobismus, religiöse Institutionen setzten Esperanto für ihre Propaganda ein, und sogar die Polizei ließ es sich nicht nehmen, es zu ihren Zwecken zu gebrauchen, sowie auch Militaristen und Patrioten hatten keine Skrupel, die Universalsprache für Zwecke zu benutzen, die mit dem Ideal der menschlichen Brüderlichkeit nichts gemein haben. Gerade solche Kreise übten unter dem Deckmantel der Neutralität einen gewissen Einfluss auf die Entwicklung von UEA aus.

Bei den durch diese Vereinigung veranstalteten Weltkongressen ist es Brauch, das Staatsoberhaupt des Kongresslandes zum Schutzherrn zu ernennen. Für einige ist die Ernennung eine symbolische Handlung, für andere eine Dummheit, aber in allen solchen Fällen wird die politische Neutralität sehr missverstanden. Der Brauch hat viel Kritik hervorgerufen, auch durch viele Mitglieder des veranstaltenden Verbandes, weil die besagte Ehrenernennung keine einfache Höflichkeitsgeste ist, sondern geradezu ein ausdrücklicher Verzicht auf Würde und Selbstachtung. Die meisten dieser Staatsoberhäupter stehen dem Ideal der Weltsprache nicht einfach gleichgültig gegenüber, sondern sind ihm zutiefst abgeneigt, bzw. bekämpfen es sogar.

Das Ausbleiben von kritischer Analyse in der sogenannten neutralen Bewegung erreichte 1968 anlässlich des 53. Weltkongresses in Madrid seinen Gipfel, als in konsequenter Anwendung des Prinzips der Faschist Franco Schutzherr wurde. Kann es sein, dass das Erinnerungsvermögen einiger Esperantisten so kurz zurückreichte, dass sie die Verbrechen Francos vergessen hatten? Es ist zu bedenken, dass während der Kriegsjahre Esperanto-Aktivitäten in der von Franco beherrschten Zone vollständig eingestellt wurden, weil eine systematische Verfolgung stattfand, deren Opfer die Anhänger der Sprache waren, einschließlich der „neutralen” UEA-Mitglieder. Es genügt, des Massenverbrechens zu gedenken, das im Februar 1937 in Málaga begangen wurde, als die Stadt in die Hände der Faschisten fiel. Hierbei wurden die Mitglieder der örtlichen Esperanto-Gruppe nur wegen ihrer Eigenschaft als Esperantisten erschossen. Ironischerweise wurde der Verantwortliche eines solchen Verbrechens 31 Jahre später zum Schutzherrn eines Esperantisten-Kongresses. Durch den Beschluss, den Kongress in Spanien abzuhalten, hat sich UEA prostituiert und dabei nichts gewonnen. Er hat sich außerdem von der franquistischen Propaganda instrumentalisieren lassen, indem er zum Mythos der „Demokratisierung” des Regimes beitrug.

3. Esperanto und Sozialismus

Dass der Neutralismus – der nicht mit Toleranz zu verwechseln ist – keine ideale Lösung sei, haben schon einige der ersten Esperantisten verstanden. Langsam, aber sicher drang Esperanto ins Arbeitermilieu und in revolutionäre Kreise ein. Die Anarchisten und Anarchosyndikalisten, die zahlenmäßig der größte Bestandteil der proletarischen Esperantisten vor dem ersten Weltkrieg waren, gruppierten sich 1906 im internationalen Bund Paco-Libereco („Frieden-Freiheit”), der die Internacia Socia Revuo („Internationale soziale Zeitschrift”) herausbrachte.

1910 verschmolz sich Paco-Libereco mit einem anderen fortschrittlichen Verband, Esperantista Laboristaro („Esperantistische Arbeiterschaft”). Die gemeinsame Organisation nannte sich Liberiga Stelo („Befreiungsstern”). Bis 1914 veröffentlichte dieser Verband viele revolutionäre Bücher und Flugblätter auf Esperanto. Unter ihren Veröffentlichungen seien folgende erwähnt: Antipatriotismus von G. Hervé, Die parlamentarische Illusion von Laisant, Die Verbrechen Gottes von Sébastien Faure, Das Evangelium der Stunde von P. Berthelot, Die Pyramide der Tyrannei von F. D. Nieuwenhuis, Das Lohn-System von P. Kropotkin, Die Elenden von V. Hugo, Die Kraft der Starken von J. London, das Manifest der kommunistischen Partei von Marx und Engels.

Für den 10. Weltkongress, der 1914 in Paris stattfinden sollte, war eine besondere Zusammenkunft revolutionärer Esperantisten geplant, auf der das Fundament einer neben der neutralen Bewegung stehenden Organisation gelegt werden sollte. Aber der Krieg war schon erklärt worden, und der Kongress fand nicht statt. Erst 1921 konnte der erste Kongress von Arbeiter-Esperantisten in Prag stattfinden. Auf diesem Kongress konstituierte sich der Sennacieca Asocio Tutmonda („Anationaler Weltbund” bzw. „Nationenunabhängiger Weltbund”). Das Prinzip des blinden Neutralismus wurde verworfen und der Gedanke der Verwendung von Esperanto für den Kampf um die Emanzipation der Arbeiterklasse wurde angenommen.

Hier ist ein Auszug aus dem Statut von SAT, das auf dem Prager Kongress angenommen wurde:

a) die internationale Sprache Esperanto für die Klassenziele der weltweiten Arbeiterschaft zu nutzen;

b) [...] die gegenseitigen Beziehungen der Mitglieder zu fördern, um in ihnen einen starken Sinn für die menschliche Solidarität zu schaffen;

c) die Mitglieder so zu unterrichten, zu bilden und aufzuklären, dass sie die fähigsten und besten der sogenannten Internationalisten werden;

[...]

Da SAT keine parteipolitische, sondern nur eine bildende, aufklärende und kulturelle Organisation ist, sollten die Mitglieder den politischen und philosophischen Schulen oder Systemen, auf die sich die verschiedenen klassenkämpferischen Arbeiterparteien und Gewerkschaftsbewegungen gründen, Verständnis und Toleranz entgegenbringen. Durch den Vergleich von Fakten und Ideen sowie durch freie Diskussion will SAT bei ihren Mitgliedern die Dogmatisierung der politischen Lehren, die sie in ihrem jeweiligen Umfeld erhalten, unmöglich machen.

Kurz gesagt, SAT setzt sich zum Ziel, langfristig durch die weltweite Anwendung einer rational durchdachten Sprache die Schaffung rational denkender Geister zu fördern, die fähig sind, Ideen, Thesen und Tendenzen gut zu vergleichen, richtig zu verstehen und einzuschätzen, und die daher auch fähig sind, selbständig den Weg zu wählen, den sie für den direktesten oder gangbarsten halten, um ihre Klasse zu befreien und die Menschheit auf eine möglichst hohe Stufe der Zivilisation und Kultur emporzuheben.

4. Die Zurückweisung des Marxismus

SAT entstand in einer Epoche, in der viele Arbeiter verschiedener Tendenzen die russische Revolution noch hoffnungsvoll als einen ersten Schritt zum Triumph sozialistischer Ideen im Weltmaßstab betrachteten.

Somit hatten die Kommunisten von Anfang an einen gewissen Einfluss auf die Haltung des Verbandes, aber als im weiteren Zeitablauf der Mythos der russischen Revolution verblasste und viele revolutionäre Esperantisten desillusioniert wurden, nachdem sie sich zeitweilig von den Ereignissen in Russland hatten beeinflussen lassen, begannen die Kommunisten immer mehr zu fordern und wollten SAT in eine Organisation verwandeln, die ausschließlich Moskau diente. Zehn Jahre lang gab es ständig Kampf zwischen den kommunistischen Mitgliedern und jenen, die SAT als kulturelle und bildende Organisation im Dienste der Arbeiterklasse so erhalten wollten, wie es auf dem Prager Kongress festgelegt worden war.

Schließlich, auf dem 11. SAT-Kongress 1931 in Amsterdam, lehnte eine Mehrheit den Herrschaftsanspruch der Kommunisten ab, woraufhin diese den Verband verließen, um eine rein kommunistische Organisation, IPE (Internacio de Proleta Esperantistaro = „Internationale der proletarischen Esperantisten”), zu gründen. Deren Ideologie fußte in marxistischen Vorstellungen und im dialektischen Materialismus. Schon ein Jahr zuvor, im Oktober 1930, erschien in Moskau eine Zeitschrift unter dem Titel Internaciisto („Internationalist”), die sich wahrheitswidrig als „einzige proletarische Zeitschrift auf Esperanto” bezeichnete und sich dem Abdruck von Direktiven des Kominterns und der Verunglimpfung anderer, den Moskauer Vorstellungen nicht entsprechender Esperanto-Organisationen, besonders der proletarischen, hingab. IPE aber war ein kurzes Leben beschieden, und nach wenigen Jahren gab sie keine Lebenszeichen mehr von sich. Schriften von SAT sowie das anarchistische Organ Libera Laboristo waren in der Sowjetunion verboten, und die russische Esperanto-Bewegung, die im Laufe der Jahre eine gewisse Stärke erreicht hatte, verschwand allmählich. Ab 1937 bis zu Stalins Tod wurde Esperanto in sowjetischen offiziellen Kreisen als „Produkt des bürgerlichen Internationalismus und Kosmopolitismus” angesehen und fiel dementsprechend in Ungnade. Einige der aktivsten Esperantisten, darunter viele Anarchisten, gehörten zu denen, die inhaftiert oder nach Sibirien exiliert wurden.

Mehrere Esperantisten wurden physisch liquidiert, darunter der sehr orthodoxe Kommunist Drezen. [2]

Seit dem Tod des unheilvollen roten Diktators hat sich die Lage etwas geändert, aber nur was die neutrale Esperanto-Bewegung betrifft: die Publikationen nichtkommunistischer Arbeiterbewegungen bleiben in der Sowjetunion verboten. In China und in anderen kommunistischen Ländern werden einige Esperanto-Zeitschriften in sehr sorgfältiger Aufmachung herausgebracht, aber ihr Inhalt spiegelt nur die Meinung der herrschenden Partei wider, und sie sind lediglich Propagandaorgane, die der Staat zu eigenen Zwecken subventioniert. In diesen Zeitschriften kann von freier Meinungsäußerung durch die Leser nicht die Rede sein. [3]

Seit der durch die Kommunisten herbeigeführten Spaltung setzt SAT seine Bildungsarbeit fort, indem er alljährlich Kongresse abhält und eine beträchtliche Zahl von Büchern verlegt, sowohl Originalwerke wie Übersetzungen. Um einige davon zu erwähnen: Ethik und An die Jugend von Kropotkin, Die libertäre Gesellschaft von Bastien, Fontamara von I. Silone, Patriotismus und Christentum von L. Tolstoi, Voltaires Candide, Goethes Faust, Nationalismus und Manifest der Anationalisten von Lanti, sowie 1970 das schöne Plena Ilustrita Vortaro, das vollständigste aller in der Internationalen Sprache bisher veröffentlichten Wörterbücher.

5. Eŭgeno Lanti (Eugène Adam)

Wenn von SAT die Rede ist, können wir den Initiator und die Seele des Bundes nicht unerwähnt lassen. Dieser war Eŭgeno Lanti (Adam), ein Mensch von außerordentlicher und origineller Persönlichkeit, dessen Ideen auf die Entwicklung der esperantistischen Arbeiterbewegung erheblich Einfluss hatten.

In seiner Jugend nahm Lanti zu Sébastien Faure und Jean Grave Kontakt auf und beteiligte sich an der französischen anarchistischen Bewegung. Bis 1915, dem Jahr, in dem er beschloss, mit dieser Bewegung zu brechen, weil er mit denen nicht übereinstimmte, die den Weg der Zusammenarbeit mit den Alliierten im Kampf gegen Deutschland gewählt hatten. Lanti selber erläuterte das Motiv für seine Haltung auf einer Postkarte, die er der Redaktion von Senŝtatano [„Der Staatenunabhängige”] 1946 schickte, kurz vor seinem tragischen Tod in Mexiko, wo er damals lebte: „Ich hatte Gelegenheit, die erste Nummer von Senŝtatano zu lesen, und zwar mit starken Emotionen, da ich durch 17 Jahre meines Lebens selbst Anarchist war, bis 1915. In diesem Jahr begann ich Zweifel an der anarchistischen Bewegung zu hegen, als ich erfuhr, dass Kropotkin die Kriegsteilnahme empfohlen hatte, um den deutschen Militarismus zu besiegen und damit der Revolution den Weg zu bahnen. Nichtsdestotrotz blieb der Anarchismus für mich immer ein Ideal.”

Während des ersten Weltkriegs lernte Lanti Esperanto und sah dabei die großartigen Möglichkeiten, die diese Sprache im Kampf gegen den Patriotismus bietet. Seine Philosophie gründet sich auf einen dem Internationalismus entgegengestellten Anationalismus. Lanti behauptete, dass der Internationalismus Beziehungen von Nationen untereinander impliziere und deshalb nicht unbedingt eine revolutionäre Vorstellung sei, während der Anationalismus sich unzweideutig gegen die Idee der Nation als politisches Gebilde stellt.

Beim Ausbruch der russischen Revolution gehörte Lanti zu denen, die dieses Ereignis für den Anfang der Verwirklichung des Sozialismus im Weltmaßstab hielten, und er trat in die kommunistische Partei ein. 1922 unternahm er eine Reise nach Russland. Er wurde im offiziellen Milieu sehr gut empfangen, aber die Schmeicheleien hatten auf ihn keinen Einfluss. Vielmehr vermochte sein nonkonformistischer und rebellischer Geist zu erkennen, dass im Sowjetland weder der Sozialismus existiere noch sich ein Weg dorthin eröffne. Trotzdem hielt er eine Zeit lang an seinem neuen Glauben fest und versuchte, die Tatsachen wegzuerklären, indem er meinte, es seien alles nur zufällig angetroffene Fehler, aber am Ende machte er sich völlig enttäuscht daran, das, was er gesehen und durch Kontakte zu sowjetischen Esperantisten erfahren hatte, in Artikeln und öffentlichen Reden zu denunzieren: Bürokratismus der Partei, Verfolgung Revolutionärer, Despotie und Verbrechen. Deshalb wurde er Opfer einer Diffamierungs- und Verunglimpfungskampagne sogenannter orthodoxer Kommunisten.

Als Jünger von Rabelais und Voltaire, von dem er einige Bücher übersetzte, verlangte Lanti das Recht auf Zweifel und positive Kritik, ausgehend von der Überzeugung, dass nur so der Weg zur Wahrheit zu finden sei. Wenn er sich im Recht wähnte, war Lanti unbeugsam, besonders was revolutionäre Prinzipien anging, aber er war vor allem sich selbst gegenüber unbeugsam, und wenn er feststellte, dass er eine uneindeutige Position eingenommen hatte, unterließ er es nicht, seine Haltung zu korrigieren. Es war zum größten Teil seinem Streben, seinem Einfluss und seiner Ehrlichkeit zu verdanken, dass SAT nicht in den Umkreis der kommunistischen Welt geriet.

Nach seiner Pensionierung 1936 begab sich Lanti auf eine Reise durch die Welt, mit dem Ziel, andere Kontinente, andere Völker, andere Rassen näher kennenzulernen, wobei er seine anationalistische Botschaft überall mitnahm. Er fuhr nach Asien, Ozeanien, Südamerika und schließlich nach Mexiko, wo er wegen Insektenstichen, die er 1938 erlitten hatte und die eine Geschwulst und einen allgemeinen Kräfteverfall verursacht hatten, ins Krankenhaus musste. Dort ließen ihn unerträgliche Kopfschmerzen am 17. Januar 1947 Selbstmord begehen. Sein Tod war ein herber Verlust für SAT und für die gesamte Esperanto-Bewegung.

Der Name Lanti wird oft an gleicher Stelle mit Zamenhof und Hodler genannt.

6. Esperanto und die Anarchisten

Wenn in vergangenen Jahrzehnten der Gebrauch einer internationalen Sprache als praktisch für die Beziehungen von Menschen verschiedener Herkunft und Kultur angesehen werden konnte, ist es jetzt, in einer Zeit, in der der ständige wissenschaftliche Fortschritt Entfernungen praktisch beseitigt hat, offenkundig, dass eine allgemein verbreitete Sprache unverzichtbar geworden ist. Deshalb entspricht Esperanto einer konkreten Notwendigkeit. Das moderne Leben hat aufgehört, national zu sein, und ist nunmehr international und weltumfassend geworden.

Der heutige Mensch kann nicht ignorieren, was außerhalb seines Landes passiert. Der Anarchist will und kann das nicht. Er gibt sich mit den Informationen, die meist durch die Presse im Interesse des Staates und der Bourgeoisie verbogen werden, nicht zufrieden. Es bestehen Zusammenhänge der Informationsverbreitung, die der unparteiischen Unterrichtung der verschiedenen anarchistischen Gruppen und Individuen dienen sollen, aber wegen des für Übersetzung und Wiederübersetzung notwendigen Zeitaufwands gibt es Aktualitätsverluste bei den Informationen.

Wir müssen wissen, welche besondere Gestalt das anarchistische Ideal annimmt, wenn es durch Menschen, deren Kultur, Bildung und Sitten sich von unseren eigenen unterscheiden, eingehend studiert wird. Wir und nicht andere müssen die Gedanken und die Werke unseresgleichen vergleichen. Nur der allgemeine Gebrauch des Esperanto kann eine zufriedenstellende Lösung bieten.

Indem sie es zu diesen Zwecken verwenden, verleihen die Anarchisten dem Esperanto seinen vollen gesellschaftlichen Wert. Gewiss war Zamenhof kein Anarchist, sondern einer, dessen Werk aus einem einfachen und aufrichtigen humanistischem Mystizismus entstand sowie auch aus brüderlicher Liebe für alle Menschen, unbeachtet der Rasse und der nationalen Herkunft. Zamenhof wollte Landesgrenzen verschwinden sehen. Ist es nicht genau das, was die Anarchisten wollen?

Als Zamenhof in Boulogne-sur-Mer sagte: „Das ist keine Zusammenkunft von Engländern mit Franzosen, von Russen mit Polen, sondern eine Zusammenkunft von Menschen mit Menschen”, gab das nicht genau wieder, was wir denken? Durch sein Werk und sein Denken steht Zamenhof den Anarchisten näher als den sogenannten neutralen Esperantisten, von denen viele sich niemals von bürgerlichen und nationalistischen Vorurteilen haben befreien können.

Die Anarchisten gehörten schon zu Beginn der Verbreitung des Esperanto zur Vorhut der Arbeiter-Esperanto-Bewegung. 1905 bildete sich in Stockholm der erste anarchistische Esperanto-Gruppe, von der wir wissen, und 1906 wurde in Paris die schon erwähnte Gruppe Paco-Libereco aufgebaut, die einen beträchtlichen Einfluss auf die allgemeine Esperanto-Bewegung haben sollte und die eine wichtige verlegerische Tätigkeit entfaltete.

Es ist bemerkenswert, dass Resolutionen zugunsten der internationalen Sprache auf dem internationalen Anarchistenkongress von 1907 in Amsterdam angenommen wurden. Dasselbe geschah auf nachfolgenden Kongressen, an denen esperantistische Genossen aktiv teilnahmen und besonders dort, wo es um die Beziehungen unter den Gruppen verschiedener Länder ging.

In den Ländern des fernen Ostens, besonders in China und Japan, entwickelten die Anarchisten ein besonderes Interesse für Esperanto und brachten eine Reihe von zweisprachigen Blättern heraus, von denen La Voĉo de la Popolo und Nova Jarcento erwähnenswert sind. Einer der Aktivisten, der die Entfaltung der anarchistischen Bewegung in China mit am meisten beeinflusst hatte, Shin Fu, war ein guter Esperantist, der viele Bücher übersetzte und eine anarchistische Esperanto-Gruppe gründete. Der berühmte Schriftsteller Pa Chin, der sich als geistigen Sohn Emma Goldmanns bezeichnete, auch wenn er später unter dem Einfluss des Maoismus stand, lernte Esperanto in Shanghai während seiner anarchistischen Zeit und übersetzte die original esperantosprachige Novelle Printempo en la aŭtuno des Ungarn Julio Baghy ins Chinesische. In einem 1934 veröffentlichten biographischen Wörterbuch chinesischer und ausländischer Schriftsteller wurde Pa Chin als esperantistischer Romanschriftsteller und Intellektueller eingestuft.

1923 gründeten die russischen Libertären A. Lewandowskij und J. Zilberfarb die ISAB (Internacilingva Scienca Anarkiista Biblioteko = „Internationalsprachige wissenschaftliche anarchistische Bibliothek”) in der Ukraine. Sie verlegten dort Kropotkins Ethik und Borowows Anarchismus. Viele weitere Veröffentlichungen waren in Vorbereitung, darunter Blumensamen von Federico Urales, aber die spätere Entwicklung in der Sowjetunion machte ihr Erscheinen unmöglich. Die Genossen, die die ISAB gründeten, riefen die anarchistischen Esperantisten der ganzen Welt auf, die Möglichkeit der Schaffung einer weltweiten Organisation in Betracht zu ziehen. Die Idee wurde von zwei anderen russischen Aktivisten, S. Hajdowskij und N. Futerfas, wie vom französischen Anarchisten Julien Migny, aufgegriffen. Diese Genossen bildeten den Gründerkern von TLES (Tutmonda Ligo de Esperantistoj Senŝtatanoj = „Weltbund esperantistischer Staatenunabhängiger”), der wenige Monate später in fünfzehn Ländern Mitglieder hatte. Aber schon während der Arbeit zur Vorbereitung des Bundes verschlimmerte sich die Situation in Russland, und die anarchistischen Stimmen wurden durch die bolschewistische Repression erstickt. Lewandowskij wurde nach Sibirien verbannt, Hajdowskij und Futerfas verschwanden unter der Terrorwelle, die Russland überflutete, und nur Zilberfarb rettete sich, indem er den Kommunisten Zugeständnisse machte. Er hat sogar Seiten des Lobes an Lenin verfasst, als dieser starb.

Nach dem Verschwinden der russischen Genossen übernahm Julien Migny mit der wertvollen Hilfe seiner Lebensgefährtin Juliette die Verwaltung von TLES Unter den Mitgliedern der neuen Esperanto-Organisation erwähnen wir Hem Day in Belgien, Lu Chien Bo in China und Taiji Yamaga in Japan. Yamaga übersetzte aus dem Altchinesischen das Tao Te Ching („Buch des Weges und der Tugend”) von Lao-Tse ins Esperanto. Diese Fassung auf Esperanto von Yamaga diente als Grundlage für die spanische Übersetzung des Werkes, die 1963 durch Tierra y Libertad herausgegeben wurde.

Ab August 1925 begann TLES, ein monatliches Organ Libera Laboristo in Berlin herauszubringen, und publizierte in Zusammenarbeit mit der IAA (Internationale Arbeiter-Assoziation) ein Informationsbulletin für den Gebrauch der internationalen anarchosyndikalistischen Bewegung.

Andere bedeutende Veröffentlichungen in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg waren der durch bulgarische Genossen gegründete und später durch die anarchistische Esperanto-Gruppe in Stockholm weitergeführte Laboristo, La Anarkiisto in Japan, der 1931 eingestellt wurde, als seine Redakteure durch die japanischen Autoritäten in Haft genommen wurden, und La Kompaso, Organ der anarchistischen Fraktion in SAT.

In Barcelona erschien 1936-1939 das Informationsbulletin von CNT-FAI, eine durch ILES (Iberische Liga Esperantistischer Anarchisten) redigierte Wochenschrift. Auch in Barcelona sendete der Rundfunksender von CNT-FAI zur damaligen Zeit dreimal wöchentlich auf Esperanto.

Die Machtübernahme der Nazis in Deutschland, die Verfolgung der Anarchisten in Russland und in anderen Ländern, das tragische Ende des Krieges in Spanien sowie schließlich der Beginn des Zweiten Weltkriegs schwächten die libertäre Esperanto-Bewegung, und TLES stellte seine Tätigkeit ein. Viele seiner Mitglieder fielen der Verfolgung und dem Massentöten zum Opfer, aber 1945, als die internationalen Beziehungen sich normalisierten, stellten die anarchistischen Esperantisten den mehrere Jahre lang unterbrochenen Kontakt wieder her. 1946 fing in Paris Senŝtatano an zu erscheinen, zunächst als Esperanto-Organ des provisorischen Zentrums der Internationalen Anarchistischen Jugend (IJA) und bald danach als Stimme der anarchistischen Esperanto-Bewegung, womit die von TLES angefangene Arbeit fortgesetzt wurde. In derselben Zeit arbeitete die libertäre Esperanto-Gruppe in Paris eng mit der Kommission der anarchistischen Internationale (CRIA) zusammen, indem sie das damalige Informationsbulletin übersetzte und den Briefkontakt auf Esperanto mit Genossen verschiedener Länder organisierte.

1969 wurde die anarchistische Fraktion von SAT wieder initiativ und brachte in Paris die Monatszeitschrift Liberecana Bulteno mit dem Ziel heraus, das anarchistische Ideal im fruchtbaren esperantistischen Milieu und zugleich Esperanto unter Anarchisten zu propagieren, weil die Universalsprache dort mehr als sonstwo ihre Existenzberechtigung hat.

...

[1] Im Jahre 2010 waren es 15.815. Der Rückgang beruht zum größten Teil auf Verluste in Osteuropa in der Kategorie der assoziierten Mitglieder (mittelbare UEA-Mitglieder durch Mitgliedschaft in einem angeschlossenen Landesverband). Bis zum Systemwechsel hatten diese Landesverbände z. T. ungewöhnlich viele Mitglieder, wobei allerdings viele inaktiv waren, bzw. aus sachfremden Motiven Mitglied geworden waren (organisierte Reisen usw.) Zu einem geringeren Teil beruht der Rückgang auf eine ungünstige Altersstruktur der Esperanto-Bewegung in vielen Ländern und auf geringer gewordene Bereitschaft junger Esperanto-Sprecher, sich in traditionellen Verbänden zu organisieren. [Anm. d. Übers.] [zurück]

[2] Ernest Drezen (1892-1937) war bis zu seiner Hinrichtung Generalsekretär der Sowjetischen Esperanto-Union. [Anm. d. Übers.] [zurück]

[3] Nach dem Systemwechsel verschwanden solche subventionierte Zeitschriften in Osteuropa und der ehemaligen UdSSR weitgehend von der Bildfläche. Die chinesische Zeitschrift El Popola Ĉinio widmet sich mehr als in der Vergangenheit Esperanto-bezogenen Themen und existiert nur noch als Internet-Magazin. [Anm. d. Übers.] [zurücknach oben

ĝisdatigo de 2017-04-18 / zuletzt geändert am 18.4.2017