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Ein Sozialforum ohne Sprachbarriere – der SAT-Kongress 2006 in Belgrad

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[Text: G. Mickle]

Zahlreicher als im vergangenen Jahr fanden sich Teilnehmer zum SAT-Kongress in Belgrad ein. Anwesend waren diesmal vom 19. bis zum 26. August 150 Menschen aus mehr als 20 Ländern. Die Eisenbahner-Esperanto-Gesellschaft "Branko Maksimović" hat zusammen mit einer örtlichen Arbeitsgruppe unter der Leitung von Tereza Kapista die Tagung organisiert.

Seit 85 Jahren gelten in SAT, dem anationalen Weltverband der Arbeiter-Esperantisten, Prinzipien, die heute auch in den Sozialforen an die Tagesordnung gesetzt werden: direkter transnationaler Austausch von Ideen und Standpunkte durch Basisaktivisten aus verschiedenen Strömungen der antikapitalistischen Bewegung, und zwar in einer toleranten und freundlichen Umgebung, ohne dass die offene Debatte dadurch gehemmt wird. Gewiss ist ein SAT-Kongress eine kleine Veranstaltung im Vergleich zu einem Sozialforum. Dennoch hat er eine interessante Besonderheit. Da ausschließlich Esperanto gesprochen wird, befinden sich alle beim Argumentenaustausch auf gleicher Augenhöhe. Die Leidenschaft des stattfindenden Austausches überzeugt davon, dass dieses Esperanto sehr wohl eine funktionstüchtige, lebende Sprache ist, und eine weit tauglichere Lösung des Kommunikationsproblems als das schwerfällige Simultandolmetschen, das so viele internationale Tagungen nicht entbehren können.

Ein unausweichliches Thema der diesjährigen Arbeitsvollversammlungen war das bereits krisenhafte Finanzproblem von SAT. In der Leitresolution brachten die an der Tagung teilnehmenden Mitglieder ihr Vertrauen zum Vollzugsausschuss – dem Leitungsorgan – zum Ausdruck. Er möge die Finanzkrise in der sowohl für SAT wie für Krešimir Barković – den hauptamtlichen Angestellten im Büro – besten Weise lösen, wobei auch der Verkauf des Pariser Büros nicht ausgeschlossen werden dürfe.

Aber ungeachtet der demnächst zu erwartenden Veränderungen in der "Zentrale" berieten die Teilnehmer auch über die künftige Tätigkeit des Verbandes. Insbesondere der Vorschlag einer Verlagskooperative wurde näher betrachtet. Hierzu wird eine Beschlussfassung durch Referendum vorbereitet. Eine volle Arbeitsvollversammlung war für Debatten zu gesellschaftspolitischen Themen veranschlagt worden: zur Lage in Nahen Osten, zur Protestbewegung gegen den Erstbeschäftigungsvertrag für Berufsanfänger in Frankreich, zu Nationalismus und Schulausbildung in Japan und anderen Ländern, sowie zum politischen Aspekt der Esperanto-Informationsarbeit, d.h. darüber, ob SAT und das SAT-nahe Milieu Esperanto im gleichen Stil darstellen soll, wie die "politisch neutralen" Mehrheits-Organisationen der Esperantisten.

Eine von Colette und André Weiss geleitete Versammlung behandelte die Problematik der Streubomben, die ihre tödliche Ladung über ein weites Gebiet verstreuen. Streubomben verbreiten kleinere Sprengkörper, die wie kleine Minen lange nach dem Abwurf in einem Gebiet Menschen gefährden. Eine neue Kampagne zur internationalen Ächtung solcher Waffen schließt sich an früheren Aktivitäten beider Genossen wie die Anti-Minen-Kampagne an. SAT wird die Mitgliedschaft in der Weltkoalition gegen solche Waffen anstreben.

Gegenstände anderer Diskussionen waren:

- die Biodiversität, die Notwendigkeit ihres Schutzes und dessen Grenzen und Möglichkeiten im Kapitalismus;

- Esperanto als Sprache des Friedens in Afrika;

- der gegenwärtige Stand und die künftigen Erfordernisse der Esperanto-Historiographie.

Getagt haben auch mehrere Fraktionen – so werden die Plattformen bzw. politische Neigungsgruppen in SAT bezeichnet – darunter die Freidenker, Kommunisten, sexuelle Minderheiten (queers), Anationalisten (Universalisten/Antinationalisten) und die umweltpolitische Gruppe. Die Friedensfraktion wurde nach längerer Inaktivität wiederbelebt. Schauspielerische Darbietungen von Vida Jerman und Jerzy Fornal waren Höhepunkte des abendlichen Kulturprogramms, wie auch ein hervorragendes Konzert der Belgrader Jugendphilharmonie.

Außerdem gab es Zusammenkünfte der Fachgruppe für esperantobezogene Öffentlichkeitsarbeit und des Komitees der regionalen Arbeiter-Esperanto-Vereine, die in einigen Sprachgebieten (die manchmal, aber nicht immer, mit einem Land deckungsgleich sind) bestehen. Ein solcher "LEA" wird möglicherweise bald in Japan entstehen.

Die Kongressdeklaration eines SAT-Kongresses versucht die Debatten und – soweit sie vorhanden sind – konsensfähigen Standpunkte zusammenzufassen. In diesem Jahr wendet sie sich gegen staatlichen und nichtstaatlichen Terrorismus und verlangt die Befreiung der Gefangenen der amerikanischen Konzentrationslagern in Guantánamo und an anderen Orten. Zum Nahen Osten ruft sie auf, die "Voraussetzungen eines nachhaltigen Friedens" durch "Geschichtsaufklärung" und "Entwicklung verbrüdernder Beziehungen" zu schaffen. Die meiste Kontroverse gab es zu diesem Punkt. Fast die Hälfte der Abstimmenden zog eine andere Aussage vor. So wurde auch vorgeschlagen, dass die UNO die sofortige Gründung eines palästinensischen Staates erzwingen soll, bzw. dass eine Lösung im Rahmen eines einheitlichen Staates auf dem historischen Gebiet von Palästina (die binationale Lösung) gesucht werden soll.

Der 80. SAT-Kongress wird in der Umgebung von Paris stattfinden.

[Einige Kongressphotos befinden sich im Sennaciulo von August-September, 2006 (PDF)]

Deklaration des SAT-Kongresses 2006

Der 79. Kongress des Anationalen Weltbundes (SAT), der von 19. bis zum 26. August in Belgrad getagt hat:

  • lehnt jeglichen Terrorismus ab, bei dem Menschen getötet werden, ob er von Seiten eines Staates oder von Seiten einer anderen Organisation betrieben wird;
  • ruft alle, auch die Esperantisten, dazu auf, Bedingungen für einen nachhaltigen Frieden im Nahen Osten durch Geschichtsaufklärung und Entwicklung verbrüdernder Beziehungen zwischen allen Betroffenen zu schaffen, damit brüderliche und ausgeglichene Lösungen angenommen werden;
  • verlangt die Befreiung der Gefangenen, die der amerikanischer Staat rechtswidrig und im Namen des "Krieges gegen den Terrorismus" in Konzentrationslagern in Guantánamo und an anderen Orten festhält, und verlangt außerdem die Befreiung aller politischer Gefangener überall auf der Welt;
  • erklärt erneut den Ländern, die die Konvention von Ottawa noch nicht unterschrieben haben, dass die Unterschreibung dieser Konvention zur Beseitigung der Antipersonenminen auf unserem Planeten dringend ist;
  • unterstützt den Kampf der CMC – der weltweiten Koalition gegen Streubomben – und wünscht den Beitritt von SAT zur Koalition, damit er an diesem Kampf beteiligt wird;
  • solidarisiert sich mit allen Kämpfen in der Welt gegen die Zerstörung sozialer Rechte, und ruft dazu auf, diese Kämpfe zu entnationalisieren; er begrüßt den Sieg der französischen Studenten, Arbeiter, Rentner und Arbeitslosen über den Erstbeschäftigungsvertrag in Frankreich;
  • ruft zum energischen Widerstand gegen die nationalistische Bildung, die in den Schulen der ganzen Welt forciert wird, und solidarisiert sich insbesondere mit den Kämpfern für die Beibehaltung des neunten Artikels der japanischen Verfassung;
  • protestiert gegen die Politik der Europäischen Union, der USA, Australien und anderer Länder, die unter anderem in der Schließung der Grenzen und der Ausweisung nicht legal angekommener Einwanderer zum Ausdruck kommt; er fordert eine humanistisch geprägte Einwanderungspolitik;
  • verteidigt die Gewissensfreiheit und das Recht auf ihre Äußerung; deshalb propagiert er die Trennung von Kirchen und Staat.  nach oben

ĝisdatigo de 2017-04-18 / zuletzt geändert am 18. 04. 2017